Eine Gruppe spanischer Wissenschaftler untersucht, wie sich Klang und Musik unbewusst auf die Aufmerksamkeit und die emotionalen Reaktionen von Kindern auswirken. Basierend auf ihren Ergebnissen haben sie das Unterrichtsmittel Touch the sound entwickelt.

Francis Ford Coppola hat einmal gesagt, dass der Klang der beste Freund des Dirigenten ist, da er auf verborgene Art und Weise auf die Zuhörer einwirkt. Francisco Cuadrado, der leitende Wissenschaftler des Projekts „Das unbewusste Hören“, denkt sehr ähnlich. Deshalb ist er seit 20 Jahren Klangdesigner, Komponist und Wissenschaftler. Er erforscht insbesondere, wie der Klang audiovisueller Inhalte im Zuhörer Gefühle hervorruft … und das nicht nur auf das Kino bezogen.

“Wir haben uns gefragt, welche Auswirkungen das auf so sensible Rezipienten wie Kinder haben kann. Und wie wir uns dies zu Nutzen machen können, um den Lernprozess zu verbessern,“ erklärt Francisco Cuadrado. Das ist das Ziel des Projekts „Das unbewusste Hören“ der Universität Loyola Andalucía, das von Wissenschaftlern dieser Universität, der Pädagogischen Hochschule von Úbeda und der Universität von Sevilla ins Leben gerufen wurde und an dem sich Unternehmen wie BQ beteiligen.

An der Studie, bei der drei verschiedenartige Inhalte eingesetzt wurden (Videospiele, audiovisuelle Medien und Podcasts), sowie diverse akustische und musikalische Variablen, haben 300 Schülerinnen und Schüler der Grund- und Mittelstufe teilgenommen. In der Anfangsphase überprüften die Wissenschaftler, ob ein deutlicher Unterschied zwischen der emotionalen Reaktion und dem Aufmerksamkeitsgrad besteht, den der 3D-Sound gegenüber dem Stereoklang hervorruft.

Beispielsweise erzielten die Kinder, welche die Erzählung in 3D hörten, bei den Verständnistests in englischer Sprache bessere Resultate als die anderen. Für die Wissenschaftler liegt die Erklärung hierfür darin, dass diese Art von Audio ein tieferes Eintauchen ermöglicht.

Es zeigte sich auch, dass die Soundeffekte eine entscheidende Rolle spielen: Je emotionaler die Parameter besetzt waren, umso mehr Interesse rief ihr Inhalt hervor. Allerdings ließ sich an den Kindern nicht ablesen, dass sie Änderungen ihrer Verhaltensweise festgestellt hätten, was die Vermutung stützt, dass diese Vorgänge komplett auf einer unbewussten Ebene stattfinden.

Touch the sound: Ein Ökosystem, das auf der erweiterten Realität beruht.

Basierend auf den Ergebnissen der Studie entwickelte das Forscherteam ein Unterrichtsmittel, das auf der Verwendung des Klangs als Medium basiert, um die Aufmerksamkeit während des Lernprozesses zu erhöhen. Es handelt sich um das Projekt Touch the sound, das zum Patent angemeldet ist.

Dieses Unterrichtsmittel verwendet die IMLS-Methode (intelligent music learning system), ein System zum Lernen und zum Erstellen von Musik, das von Francisco Cuadrado in früheren Forschungen entwickelt wurde und das auf der erweiterten Realität basiert.

„Touch the sound“ ermöglicht es Kindern nur durch das Bewegen von Teilen, die mit Symbolen auf einer geraden Oberfläche vor einem Tablet markiert sind, Klänge zu entwickeln und zu verändern: Die Kamera des Geräts erkennt die Figuren und aktiviert oder ändert den Klang jeweils entsprechend. Für die Herstellung dieser Teile entschieden sich die Wissenschaftler für den 3D-Druck mit den 3D-Druckern Hephestos 2 von BQ.

„Es handelt sich um ein intuitives und leicht einsetzbares Ökosystem, das auf die Verwendung von Technologien setzt, die für alle zugänglich sind. So soll die digitale Kluft, die durch die neuen Technologien in der Gesellschaft entstehen, verringert werden.

Innerhalb der App des Tablets erleben die Kinder die Reise von Gale (Gale`s Journey), die von der Reise einer Gruppe von Walen von Alaska nach Niederkalifornien (Baja California) erzählt. Diese Geschichte verbindet Inhalte des Lehrplans der Grundschule mit Gebieten der Naturwissenschaft, der Sozialwissenschaften, mit Englisch als Fremdsprache und mit der Musik.

In der letzten Phase des Projekts wurde die Usability von „Touch the sound“, evaluiert. Das Ergebnis zeigt, dass Kinder sie sehr schnell verwenden lernen, dass die Auswirkungen auf den Lernprozess positiv sind und der Aufmerksamkeitsgrad und die Konzentration bei der Aktivität sehr hoch sind (sogar bei Kindern, die einen besonderen pädagogischen Förderbedarf haben, wie Kinder mit ADHS).

Neue Möglichkeiten

Die Ergebnisse der Studie öffnen zudem neuen Einsatzmöglichkeiten in anderen Bereichen die Tür, wie bei der Arbeit mit Kindern mit speziellem pädagogischen Förderbedarf oder beim Einsatz von Musik mit älteren Menschen.

„Es gibt immer mehr Ansätze zur positiven Auswirkung von Musik auf ältere Menschen bezüglich der neuronalen Vernetzung, der Dopaminproduktion, der persönlichen Bindung und dem emotionalen Gedächtnis. Aber ältere Menschen haben unter Umständen Probleme mit der Beweglichkeit oder weisen eventuell nicht die notwendige Agilität auf, um ein Instrument zu spielen oder das Display eines Tablets verwenden zu können. Deshalb ist es sehr gut, dass hier die Bewegung eines Objektes eine automatische Reaktion hervorruft“ erklärt Francisco Cuadrado.

Auch wenn das Projekt „Das unbewusste Hören“ abgeschlossen ist, geht die Forschung weiter. Die zukünftige Planung, an der die Wissenschaftler bereits jetzt arbeiten, beinhaltet eine tiefergehende Untersuchung des Einsatzes dieses Werkzeugs in den Schulen, insbesondere bei Kindern mit ADS oder ADHS oder Autismus.